Worum geht es?
KLARpsy-Texte bereiten Forschungsergebnisse aus der Psychologie für die Öffentlichkeit auf. Dieser KLARpsy-Text wurde von Mitarbeitenden des Leibniz-Instituts für Psychologie verfasst. Der KLARpsy-Text fasst die Übersichtsarbeit mit dem Titel Gender and Accuracy in Decoding Affect Cues: A Meta-Analysis zusammen. Diese Übersichtsarbeit beinhaltet eine Metaanalyse. Die Übersichtsarbeit wurde 2025 veröffentlicht. Sie stammt von Judith A. Hall und zwei weiteren Forschenden von der Northeastern Universität und drei weiteren Instituten aus den USA, der Schweiz und der Tschechischen Republik.
Was war das Ziel der Übersichtsarbeit?
Hintergrund:
Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, werden seit langem untersucht. Frühere Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt Gefühle anderer Personen besser erkennen als Männer. Da sich solche Unterschiede über die Zeit verändern können, ist es wichtig, sie regelmäßig aktuell zu betrachten. Zudem ist noch unklar, welche weiteren Faktoren diesen Unterschied beeinflussen.
Forschungsfrage:
Mit ihrer Übersichtsarbeit wollten die Forschenden herausfinden: 1) Wie sehr unterscheiden sich Frauen und Männer darin, wie gut sie Gefühle anderer erkennen können? 2) Verändert sich dieser Unterschied zum Beispiel je nach Alter oder Gesundheitszustand?
Wie sind die Forschenden in der Übersichtsarbeit vorgegangen?
Welche Studien haben die Forschenden für die Übersichtsarbeit gesucht?
Die Forschenden suchten nach Studien , die untersuchten, wie gut Frauen und Männer die Gefühle anderer korrekt erkennen. Die Teilnehmenden konnten Erwachsene oder Kinder sein, wobei die Kinder mindestens 8 Jahre alt sein mussten.
Welche Studien haben die Forschenden für die Übersichtsarbeit gefunden?
Die Forschenden fanden insgesamt 1 011 Studien aus den Jahren 1931 bis 2023, deren Ergebnisse sie mit einer Metaanalyse zusammenfassen konnten. Insgesamt sind das Studienergebnisse von 837 637 Kindern und Erwachsenen zwischen 8 und 87 Jahren.
Was haben die Forschenden in der Übersichtsarbeit gemacht?
In den 1 011 Studien schauten die Forschenden, ob sich Frauen und Männer darin unterscheiden, wie korrekt sie die Gefühle anderer erkennen können.
Was haben die Forschenden in der Übersichtsarbeit untersucht?
Die Forschenden untersuchten folgende Merkmale:
- Geschlecht der Teilnehmenden
- Weiblich oder männlich
- Gefühle erkennen
- In Experimenten wurde die Anzahl korrekter erkannter Gefühle bei anderen Personen erfasst
- Erkennen der Gefühle anderer Personen über Gesicht, Hände, Körper und Stimme
- Zum Beispiel: Furcht, Ärger, Freude
- Merkmale der Teilnehmenden
- Alter
- Kulturelle Herkunft
- Gesundheitszustand
- Zum Beispiel: gesundheitliche Einschränkungen, körperliche oder psychische Erkrankungen, Beeinträchtigungen beim Denken, entwicklungsbedingte Schwierigkeiten
Hinweis der KLARpsy-Autor:innen
Sollten Ihnen Begriffe in diesem Abschnitt nicht vertraut sein, finden Sie eine Erklärung im KLARpsy-Wörterbuch.
Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
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Frauen waren insgesamt besser darin, Gefühle korrekt zu erkennen als Männer. Die Effektstärke
Cohens d betrug 0.24. Das ist ein kleiner Unterschied. Umgerechnet auf 100 Personen bedeutet das: 59 von 100 Frauen erkannten Gefühle besser als der Durchschnitt der Männer. -
Das Alter hatte einen Einfluss auf diesen Unterschied. Mit zunehmendem Alter nahm der Unterschied zwischen Frauen und Männern beim korrekten Erkennen von Gefühlen leicht ab. Am größten war der Unterschied zwischen Frauen und Männern, wenn sie zwischen 18 und 27 Jahre alt waren.
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Auch die kulturelle Herkunft der Frauen und Männer beeinflusste den Unterschied. In Gruppen mit überwiegend weißen Teilnehmenden war der Unterschied beim Erkennen von Gefühlen etwas größer als in anderen Gruppen.
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Der Gesundheitszustand beeinflusste ebenfalls diesen Unterschied. Bei Teilnehmenden ohne gesundheitliche Einschränkungen oder mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen war der Unterschied zwischen Frauen und Männern größer. Bei Teilnehmenden mit Beeinträchtigungen beim Denken oder entwicklungsbedingten Schwierigkeiten war der Unterschied kleiner.
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Das Jahr der Studie hatte ebenfalls einen Einfluss auf den Unterschied. In neueren Studien war der Unterschied zwischen Frauen und Männern beim korrekten Erkennen von Gefühlen etwas kleiner als in älteren Studien.
Wie lassen sich die Ergebnisse bewerten?
Was ist die Ursache für die Ergebnisse?
In der Übersichtsarbeit wurde ein Unterschied zwischen Frauen und Männern im korrekten Erkennen von Gefühlen beobachtet. Wegen der Art der Studien, die berücksichtigt wurden, weiß man nur, dass es diesen Unterschied gibt. Man kann aber nicht sicher sagen, was die Ursache für diesen Unterschied ist – ob er zum Beispiel biologisch oder durch die Erziehung bedingt ist.
Sind die Ergebnisse durch eingeschränktes Veröffentlichen von Studien verzerrt?
- Worum geht es? Eindeutige Forschungsergebnisse lassen sich leichter veröffentlichen als uneindeutige Ergebnisse. Das ist für Übersichtsarbeiten problematisch. Sie können unveröffentlichte Ergebnisse nämlich nicht berücksichtigen.
- Was bedeutet das für die vorliegende Übersichtsarbeit? Die Forschenden fanden Hinweise auf solche Verzerrungen. Diese waren jedoch so gering, dass sie annehmen, dass der Unterschied davon nicht bedeutsam beeinflusst wurde und tatsächlich so groß ist wie in ihrer Übersichtsarbeit berechnet.
Wie zuverlässig sind die Ergebnisse?
Die Forschenden geben zu bedenken: Es konnte nur gezeigt werden, dass es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt. Wie gut sie jeweils im Durchschnitt im Erkennen von Gefühlen sind, wurde nicht untersucht. Auch wurden die Unterschiede nur für alle Gefühle zusammen betrachtet, nicht für einzelne Gefühle wie Freude oder Ärger. Zudem wurde das Geschlecht nur in den Kategorien männlich und weiblich erfasst.
Welchen Alltagsbezug sehen die Forschenden in der Übersichtsarbeit?
Die Fähigkeit Gefühle richtig einzuschätzen ist im Alltag sehr hilfreich, zum Beispiel in Freundschaften, in der Familie oder bei der Arbeit, weil man besser versteht, wie sich andere fühlen. Durch die zunehmende Gleichberechtigung könnten sich die Geschlechterrollen immer mehr angleichen, sodass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Erkennen von Gefühlen kleiner werden. Darauf weist auch hin, dass neuere Studien kleinere Geschlechterunterschiede zeigen als ältere.
Was ist noch zu beachten?
Wer hat die Übersichtsarbeit finanziert?
Die Erstellung der Übersichtsarbeit wurde nicht durch Dritte, zum Beispiel Stiftungen oder Unternehmen, finanziell gefördert oder unterstützt.
Berichten die Forschenden in der Übersichtsarbeit eigene Interessenkonflikte?
Die Forschenden berichten, dass keine